endlwelt

Thomas Endls Welt der Bücher und Bilder

Vorerst für immer


Lesbisch-schwule Paargeschichten,

hg. von Thomas Endl & Bettina Hasselbring,

Anthologie, Querverlag, 224 Seiten, 2003

Schwule Spießer und lesbische Langzeitpartnerinnen bevölkern viele der vergnüglichen und höchst abwechslungsreichen Geschichten in diesem Sammelband unter dem schönen Titel
“Vorerst für immer”.
(lespress)

Romantisch, selbstironisch, dramatisch. (Neues Deutschland)

Ob eingefleischter Single, frisch verliebt oder verpartnert - es gibt für alle einen Grund, dieses Buch zu lesen: Es ist einfach gut! (Nürnberger Schwulenpost)


darin enthalten ist auch eine Geschcihte von mir:

Sternstunde

Die Nacht hat mich gefunden. Hat sich durch die schmalen Schlitze geschoben, die die alten, grünen Läden zum Atmen brauchen. Weit schiebt sie das Fenster auf, schlägt es gegen die Wand und haucht mich an.

Ein Ellenbogen liegt schwer auf mir, und ein Bein hält die meinen gefangen. Körperkonglomerat. Vereinigungsmenge. Mit langem Arm finde ich die Nachttischlampe und knipse sie an. Die Schatten flüchten aus dem Bett, huschen die Wände hoch und in die hintersten Winkel des Zimmers. Aus den dunklen Inseln am Boden werden wieder Hosen, Hemden, Wäsche. Vor mir Brusthaardickicht. Ich fahre hinein und fühle darunter die Vertiefung, die der Mann gerne „Champagnerbecken“ nennt, oder „Spermakuhle“, je nachdem, in welchem Stadium schäumender Lust er sich gerade befindet. Meine Finger durchqueren das Tal der Trichterbrust und durchkämmen die Waldlandschaft gegen den Strich bis zu den letzten Vorposten an der Gabelung unter der Schulter. Mit leichtem Druck schiebe ich den Körper von mir. Er rollt auf den Rücken, brummt ein Fragezeichen und öffnet die Augen. Vorsorglich lächle ich lieb. Ich sehe ihn mir an. Mit seinem Teint und den schwarzen Haaren könnte er auch jener „Schöne Italiener“ sein, auf dessen Anzeigen ich nie geantwortet habe. Zweimal habe ich sie entdeckt, einmal im Mai und einmal im Dezember. Ob er nach einem heißen Sommer wieder etwas Frisches wollte aus der Rubrik „Triebe“, die vielspaltig zwischen „Liebe“ und „Hiebe“ ihren Markt definiert?

Ich gönne meinem Ersatz-Italiener einen Kuß auf die Lippen. Doch sie sind spröde. Ihre Wärme nur noch Erinnerung. Sind die aufregendsten Momente vergangen, haben sie die leichten Lippen, die leuchtenden Blicke, die sanften Finger und die griffigen Pobacken meist mitgenommen.

„Bleibst du da?“ fragt der Mann und weiß, daß ich nicht fort müßte. Denkt, du seist weit weg. Zwei Ländergrenzen zwischen meinem Zuhause in Deutschland mit dir und dem italienischen Abenteuer mit ihm. Denkt, ich könnte bei ihm liegen, weil es sonst nur noch mein kaltes Zimmer gäbe am gegenüberliegenden Ende des Ganges. Er zieht sich eine der Decken heran und kuschelt sich drunter. Schaut mich an und hebt den Stoff auf meiner Seite. Lauernder Höhlenbewohner. Als ich auf allen Vieren um ihn herumtappse und seinen Blick beobachte, wie er mich verfolgt, bin ich fast versucht, wie ein idiotisches Schoßhündchen zu bellen, entscheide mich aber doch für das tiefe Knurren eines Tigertiers und mache einen Satz auf die Decke. Ein paarmal rollen wir hin und her, schnappen mit blitzenden Augen nacheinander, doch ich habe ihn längst gefangen in seiner Bettbandage. Ich throne auf der eingewickelten Eroberung, bis sie nicht mehr zappelt. Steige herunter, gebe der Decke dort, wo sich schon wieder die Mitte des Mannes abzeichnet, einen schmatzenden Kuß. Ich ziehe mich an, als er das stramme Gewickel lockert und seine Arme befreit. Das Hemd, das ich vom Boden aufklaube, riecht nach gestern.

„Schlaf gut, mein Schöner“, sage ich zu dem Mann, der im Durcheinander des Bettzeugs sitzt und nicht antwortet, bis ich die Tür hinter mir zugezogen habe.

Kein Licht auf dem Gang. Vorbei an den anderen und ihren Träumen von schönen Römerinnen, die sie heute bei der Besichtigungstour gesehen haben mögen. Vorbei an meinem Zimmer, in dem ich alleine wäre. Die sonst so bunten Bilder im Treppenhaus sind dunkel, ihre Landschaften ungeweckt. Die heißen Quellen brodeln nicht, die Gräber der Etrusker ruhen, und die Mauern der verfallenen Klosterkirche schweigen. Nur die massige Standuhr im Entree der Pension tickt tapfer. Viertel vor eins schon.

Ich trete hinaus und sehe den Himmel. Der Mond strengt sich an, doch die Wolken scheinen ihm heute nichts zu gönnen. Schwärzen ihn an, wenn sie vorüberziehen. Bedacht, kaum eine Lücke zu lassen. Entkommt ein Strahl, rücken sie eifernd nach, türmen sich auf, verfinstern das Firmament. Der gekieste Weg vor dem Haus schlängelt sich nach ein paar Metern aus dem Blick, verschwindet zwischen den Olivenbäumen, die Richtung Tal in Reih und Glied ausgerichtet sind. Ich schmecke den Mann noch. Mit den Zähnen schabe ich ihn mir von der Zunge und schlucke ihn hinunter. Einmal habe ich einen ausgespuckt. Doch ganz weg geht der Geschmack nie. Mit aufgerissenem Mund hole ich mir Nachtluft in Rachen und Lungen, recke die Kiefer nach oben. Jetzt schließen, Sterne schnappen! Wäre schön!

„Schmeckt ein bißchen zimtig“, hast du damals behauptet, als wir nach Mitternacht noch auf der Terrasse deiner Eltern saßen und in den Himmel blickten. Theatralisch kautest du eine Weile auf dem „Zimtstern“ herum, um dann völlig überrascht meine kritische Miene zu bemerken. „Glaubst du mir nicht? Siehst du denn nicht, daß jetzt ein Stern weniger da oben ist? Schau mal genau!“ hast du gefordert, meinen Kopf gepackt und dorthin gedreht, wo der Stern angeblich fehlte. „Ich kann dir auch einen vom Himmel holen“, hast du ernst erklärt und dabei deiner Stimme diesen rubinsamtenen Tonfall aufgesetzt, der jeden Einwand schäbig klingen läßt. Schon schnapptest du wieder wie ein Fisch auf dem Trockenen und gabst mir mit dicken Backen einen Kuß. Was auch immer du mit der Zunge zu mir herüberschobst, es füllte mich aus mit Zuneigung. Über uns blinkte die Unendlichkeit des Lichtermeers, und es war ihm kaum anzumerken, daß es vor kurzem noch zwei leuchtende Punkte mehr besessen hatte. Du strahltest mich an: „Das können jetzt alle Menschen sehen, die in den Nachthimmel schauen - wenn sie nicht allzu weit weg sind.“

Italien ist nicht weit. Aber die Wolken grollen. Kein Mond, keine Sterne. Oder grollst du? Hast sie alle verschlungen? Ich gehe runter zum Tor. Schiebe mit dem Fuß den Stein fort, der verhindert, daß es sich von selbst sperrangelweit öffnet. Ob noch irgendwo ein Funkeln freigelassen wird dort oben? Liegst du schon im Bett unter dem Dachfenster und schaust in einen glänzenderen Himmel? Gen Süden, wo sich unsere Blicke treffen könnten? Oder fällt das Rendezvous heute aus? Zurück oder weiter? Ich schließe die Lider, breite die Arme aus, drehe mich im Kreis, denke deinen Namen, denke dein Gesicht, versuche es lachen zu lassen. Als es erschrocken die Augen aufreißt, halte ich an und blicke nach vorn. Der Waldweg. In meinem Kopf kreiselt es noch, und ich torkle den ersten Meter mehr als daß ich ihn gehe. Die Steinchen am Boden knirschen laut, weisen mir den Weg. 100 Meter, dann kommt die Quelle. Rinnt still aus rostigem Rohr in ihr steinernes Becken. Ich setze mich auf die trockene Seite. Drüben läuft das nachdrängende Wasser beständig über den Rand und noch ein Stück weiter über den Boden der Lichtung, bis es versickert. Zwischen den Wipfeln will es nicht aufreißen. Dunkle Gebirge schieben sich über den Himmel. Mein Nacken spannt, und ich senke den Kopf. Im Wasser tanzen kleine Lichter. Gelblich, grünlich, eine Ahnung von Blau. Ich beuge mich tiefer und starre hinein. Von fern klingt der Ein-Uhr-Schlag der Dorfkirche an mein Ohr. Ganz nah surrt etwas. Erschrocken blicke ich auf und sehe ein Lämpchen vorbeischwirrt. Es knipst sich aus und wieder an. Schwebt leise im Wald. Steigt auf und verliert sich in glitzerndem Gewimmel. Zahllose Glühwürmchen, die sich im Wasser spiegeln. Oder sind es Sterne, die Ausgang bekommen haben? Sterne, die du mir geschickt hast?

Ich spähe hinein ins mächtige Blinken - und finde deinen Blick.