endlwelt

Thomas Endls Welt der Bücher und Bilder

Der Himmel der Bayern

 

Satirische Kurzgeschichte,

erschienen in

Gedanken im Netz

hg. von Tobias Lorenz, Niebüll 2001


Es war ein wunderschöner Montag im Advent, als der Redakteur von seinem Maibaum erschlagen wurde. Draußen strahlte den ganzen Tag schon die klare Wintersonne vom Himmel, und die Eiskristalle glitzerten auf dem Dach der Studiohalle. Drinnen wuselten Bühnenarbeiter, Beleuchter, Regisseur und die halbe Redaktion durcheinander. In drei Tagen, am Heiligen Abend, sollte die Weihnachtsausgabe der Bayernshow "A Gaudi muaß scho sei" die Menschen daheim vor dem Fernseher mit Frohsinn erfüllen. Der verantwortliche Redakteur hechtete von einer Ecke des Studios in die andere, um wieder und wieder allen die weiß-blauen Spiele zu erklären, die die Redaktion sich ausgedacht hatte. "Nach dem Parcours durch den Weiher springt der Schützenkönig auf die Leiter zum Fensterln, zeigt der Sennerin seinen riesigen Gamsbart ... ja, und dann kommt der Maibaum." Da kam der Maibaum tatsächlich. Ein bißchen zu überraschend und ein bißchen zu schnell, als daß der Redakteur noch zur Seite hätte springen können, und mit ein bißchen zu viel Wucht, als daß der Redakteur sich noch weitere Gedanken über die große Gaudi an Weihnachten hätte machen müssen.   

Der Redakteur war gebildet gewesen, hatte sich ausgekannt in den Künsten, die Farbholzschnitte von Hokusai und die einstmals so klare Linie von Alessi geliebt. So wunderten sich die Freunde und die alte Mutter des Redakteurs auch kaum, daß dem Sarg drei Tage später eine Begräbniskapelle aus Saigon voranschritt und zum sicher exotischen Spiel anhob, als es mit den sterblichen Überresten des Redakteurs abwärts ging in die Grube.

Die ersten Töne flogen durch die Luft und dröhnten dem Redakteur im Schädel. Auf seiner Beerdigung - der Bayerische Defiliermarsch? So war das nicht abgemacht. Nein! Doch sein stimmloses Geschrei konnte niemand hören. All sein Gezappel im Sarg half nichts. Half nichts, bis der Deckel laut herunterkrachte. Das Gepolter ließ den Redakteur erschreckt zusammenfahren, bevor es mit den letzten zerfransten Tönen der Blasmusik verhallte. Der Redakteur lag wie erstarrt da, traute sich die Augen nicht zu öffnen. Konnte er es überhaupt? Schließlich war er ja gestorben! Ein Lid hob sich zuckend, neugierig, blinzelte erstaunt um sich. Wacklig stieg der Tote aus dem Sarg. Da war keine trauernde Gemeinde, kein Grabredner und keine Musikkapelle mehr.

Aber da war ein Schloß. Mit Türmchen und Erkerchen und Zinnchen und wahrscheinlich auch noch dem Märchenkönig darinnen. Der Hof lag still im Mondlicht vor dem verwunderten Besucher. Am Ende leuchtete weiß das Portal.

Die mächtige Klinke ließ sich mühelos drücken, und die Tür schwang so rasch auf, daß der Redakteur fast zu Boden gestürzt wäre. Überrascht fand er sich wieder am Mieder einer jungen Dame. Vorwurfsvoll zog diese ihre kräftigen, perfekt gezupften Augenbrauen zusammen und ihre Blumen im Dekolleté zurecht. "Öha", raunzte ihn das Mädel im Dirndl vielsagend an und verschwand im Gewimmel der Leute, die aufgeregt durch die Eingangshalle stoben. Schon wurde der Redakteur von einer winzigen, aber kräftig zerrenden Hand gepackt und in einen der langen Gänge des Schlosses geschleppt. "Hi, ich bin dein persönlicher Coach", krähte das Männchen mit dem wirrsten und rötesten Haarschopf, den der Redakteur je gesehen hatte, zu ihm hoch. "Was du gewinnen kannst weißt du ja und mach dir über die anderen keine Gedanken die hat ein Praktikant gecastet der keine Ahnung hat aber heute darf ja hier jeder Idiot mitmachen ich hab ja noch ganz klein angefangen im Hörspiel noch 'Sepperl und Depperl' hieß das damals. So, los, entspann dich die Show geht erst in zehn Sekunden los ich geh dann mal noch schnell und besorg dir noch das Wichtigste." Kreischend vor Lachen sprang der Winzling davon. Der Redakteur hatte kaum Zeit, auch nur einen der so rasend abgefeuerten Sätze richtig ins Bewußtsein zu lassen, da flammte an der Decke des prächtigen Raumes ein Lichtkegel auf, der sich auf den Weg machte, die Helden des Abends zu erleuchten. Der Spot huschte kurz über die Beule am Kopf des Verdutzten hinweg, um sich schließlich an der Moderatorin mitten im Saal festzusaugen. Es war das Deandl im Dirndl.

"A herrrzlich's Griaß God mitanand und an himmmmlisch'n Gut'n Am'nd aa an de zuagschoit'n Nachbarsleit om und unt', ent und drent - seid's es aa wieda dabei bei da ewigen Schau in heit'rem Weiß-Blau, hahahaha ..." Das Publikum, das im Dunkel ringsum kaum zu erkennen war, schlug sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Mit munteren Zurufen  - "Du bist fei scho arg gebenedeit unta de Weiba" - ließen einzelne die Gedirndelte hochleben. Geschmeichelt ließ sie ein perlweißes Lächeln über die bläulichen Lippen funkeln. "Auf geht's beim Schichtl", kläfften aus der weißen Jury die beiden Dackel los, und die riesigen, noch leeren Maßkrüge, die vor ihnen standen, verzerrten ihre possierlichen Schnauzen zu gefährlichen Grimassen. Die Juroren der blauen Seite taten noch recht vornehm und hielten sich mit Kommentaren zurück.

Vor dem Redakteur wurde es dunkel. "Hundert mal hundert Maß - Zeit: 30 Sekunden", dröhnte der große Vorsitzende der beiden Jurys über das exorbitante Faß, das dem Redakteur jeden Blick auf die umstehende Meute nahm. "Dalli dalli", bellten die Dackel ihm zu, und die Gedirndelte kreischte "Bist ja sonst a so a Schtürmischer, oda!?" Und schon setzte die Spannungsmusik ein, eine mit Flügelhorn, Tuba, Hackbrett und Pauke eher eigenwillig instrumentierte Fassung von "As Time Goes By". Zu den gewaltigen Paukenschlägen zählte der große Vorsitzende höchstselbst abwärts. Bis der Redakteur begriffen hatte, daß ihm kein Mensch und kein Hund Antwort geben würde auf seine Fragen, was er denn überhaupt zu tun habe, war ein Drittel der Zeit schon abgelaufen. "19 - 18 - 17" "Bier her, Bier her", plärrten die Plattler und Goaßlschnalzer aus der blauen Jury, und dem fernseherprobten Kandidaten dämmerte seine Aufgabe. "Wo ist denn der Zapfhahn? Ich brauche einen Zapfhahn!" schrie der Redakteur gegen das Gepauke an. "8 - 7 - 6 -" Da erst erkannte der Redakteur im hektisch über ihn und das Faß schweifenden Spot, daß weit oben bereits ein Hahn im Faß steckte. "2 - 1 - ja, das schaut doch ganz schlecht aus - ... - 0 Punkte". Wie auf Kommando entließen Zuschauer, Juroren und Moderatorin einen theatralischen Seufzer in den Raum.

"Kandidat Nummer zwei!" Erleichtert, daß die Prozedur zu Ende war, und neugierig, wie ein anderer die absurde Aufgabe lösen könnte, wollte sich der Redakteur in die Menge der Umstehenden zurückziehen, als ihn von hinten der Winzling ansprang, der sich ihm als Coach vorgestellt hatte. "Los, jetzt bist du dran! Schnell, die zählen ja schon." "27 - 26 -" paukte die Kapelle dem Zählmeister vor. "Ich war doch schon dran!" schrie der Redakteur vergeblich dagegen an. Er wandte sich ab vom mächtigen Faß, wollte heraustreten aus dem schweren Schatten, den es warf, doch die Zuschauer ließen ihn, süchtig nach Spaß, nicht durch. Mit einem Blick zum Hahn, der in luftiger Höhe hing, versuchte es der Redakteur noch einmal. "Ich brauche Leitern, ... wie soll ich denn anzapfen ..." Doch - "3 - 2 - 1 - und aus is' und gar is'" - da war er schon ausgezählt und ausgebuht, so heftig, daß ihm der Anzug im schlechten Atem der Enttäuschten flatterte.

"Kandidat drei!" rief der große Vorsitzende auf, und wieder sprang der Coach auf den Redakteur zu. Aufgeregt wispernd, "Du brauchst einen Joker!", zog er den Redakteur an der Krawatte zu sich herab. Mit weiten Augen sah er ihn ernst an. "Du siehst nur mit dem Herzen gut! Du siehst nur mit dem Herzen gut!" "Ach", entgegnete der Redakteur etwas blöd. "Jajajajaja" qietschte der Rothaarige und drückte ihm etwas in die Hand. Matt richtete sich der Redakteur auf und besah sich die Gabe. "Wir feiern am liebsten mit Bayern" stand auf dem vielfarbig verzierten Lebkuchenherz. Und während der Countdown zum dritten Mal loslegte, warf der Redakteur mit wüstem Schrei das bunte Herz weit von sich fort. Daß es meterhoch über ihm gegen etwas Metallenes schepperte, bemerkte der Tobende nicht. Erst als wie in Zeitlupe ein gelber, schäumender Wasserfall auf ihn zustürzte und die Gedirndelte "Ozapft is, ozapft is" jodelte, begriff er, daß er den Zapfhahn getroffen hatte. Fortgespült vom strömenen Bier kauerte er in einer Ecke, wurde noch gewahr, wie die Jurys sich endlich bedienten und krügeschwenkend die Bayernhymne sangen. "... deine Farben weiß und blau" krakeelten sie im Chor.

Dann die Showeinlage. Ein Rudel Wolpertinger ballettierte auf Pfotenspitzen zwischen einem ungeschickten Wilderer und einem offenbar schwer kurzsichtigen Waidmann hindurch. Einige flatterten sogar über der ganzen Gruppe, was zu manch gespannter Atemlosigkeit im Saal führte, denn die Geweihe der Fliegenden zeigten ob ihres Gewichtes meist gefährlich nach unten, wo die anderen Akteure umhersprangen. Als krönenden Abschluß - untermalt von ausdrucksstarkem Alphornton - hinterließen die tänzelnden Wolpertinger jeweils ein Häufchen mitten im Saal. Das Spotlicht leckte kurz suchend darüber, bevor es unbarmherzig den Redakteur in seiner Ecke entdeckte.

"Was ham die Woipertinger z'fressen griagt? Wia werd des da Kandidat jetz rauskriang?" heizte die Moderatorin die Spannung an und bleckte die Zähne. "Deine Farben weiß und blau ..." rülpste ein Mitglied der blauen Jury dazwischen, so daß sein Nachbar, ein einstmals bekannter Pionier des alpinen Skilaufs, sich ermuntert fühlte, grölend dagegenzusetzen: "Weiß-blau ist die Kokosnuß, weiß-blau bin auch ich ..."

Wie im Traum ließ der Redakteur auch die weiteren Spiele über sich ergehen: alle Reden des großen Vorsitzenden chronologisch und logisch ordnen, was an sich bereits ein unlösbares Unterfangen war - und ein viel zu langwieriges für die unterhaltungslüsterne Menge. So sprang der große Vorsitzende, der wie immer schnaufend die Zeit ihrem Ende entgegenzählte, kurzerhand von "noch 15 Minuten" auf "noch 4 Minuten". Soviel konnte die dralle Dirndlträgerin noch gut mit lustigen Reden über den Kandidaten überbrücken, bis dieser endlich scheiterte.

"Wenn da Dorfdepp den Kriegergedenkstein g'lupft hat, nacha steigt'a auf'n Maibam," frohlockte schließlich die Gedirndelte über den bevorstehenden krönenden Abschluß der Show. Der rote Coach brachte dem Redakteur ein paar Notfalltropfen, als der neben dem Stein vor Schmerz zusammenbrach. Schnell noch ein Pflaster im Rautenmuster auf den breit gewordenen Daumen, dann trieb er ihn "husch husch" auf den mit bunten, seidenglatten Bändern umwickelten Baum. "Du siehst nur unter Schmerzen gut", rief der Knirps ihm noch hinterher. Doch sicher war sich der Redakteur nicht, denn unter ihm verschwamm allmählich die Szenerie. Auch ob die Gedirndelte wirklich den Zuschauern erklärte, jetzt würde mit Stimmungskanonen auf Spatzenhirne geschossen, hätte der ausgelaugte Mann am Maibaum nicht beschwören können. Und doch schien es ihm, als ob weit drunten ein schwarzer Partybomber, ein Fußballpräsident und ein aufjodelnder Kinderchor in Kanonenrohre schlüpften und fröhlich zu ihm heraufwinkten. Als die Lunten brannten, riß er die Augen weit auf, um dem Unglaublichen ins Angesicht zu blicken. Als die Zündschnüre zischten, drückte er die Lider so fest zusammen, daß die Augäpfel schmerzten. ‚Aufwachen, aufwachen, aufwachen, aufwachen' suggerierte er sich in sinnloser Hoffnung. Als die Kanonenschläge die gespannte Stille zerrissen, schrie er nur noch. Und als er durch die geschlossenen Augen den König sah, der ihn traurig anblickte, brach es aus ihm heraus: "Nein! Nein! Nie wieder. Ich bereue, ich entsage, ich widerrufe. Keine Klischees. Kein Spaß mehr mit Bayern! Ich will es ehren. Das Land und die Menschen. Nie wieder, nie wieder der Maschinerie ausliefern, den Dummköpfen, der Unterhaltung, dem Fernsehen." Der Redakteur wimmerte. "Ich will nicht mehr tümeln, keine Sendung mehr, ich schwöre, ich schwöre ab..." Alles war still. Alles war finster. Und es war eng. Der Redakteur lauschte ... Allein! Die ewige Ruhe! Endlich!

Licht brach herein. Der Deckel über ihm wurde fortgerissen, und die Trauergäste blickten dem Redakteur verstört ins tränennasse Auge.